Jeder Mensch hinterlässt heute ein digitales Leben: E-Mail-Konten mit Jahrzehnten an Korrespondenz, Fotos in der Cloud, Social-Media-Profile, vielleicht ein Amazon-Konto mit gespeicherter Zahlungsmethode. Was mit all dem passiert, wenn jemand stirbt, ist für viele Menschen eine offene Frage – und für Hinterbliebene oft ein unerwartetes Problem.
Dieser Artikel erklärt, was tatsächlich mit digitalen Konten nach dem Tod passiert – und was Sie heute bereits regeln können.
Das Problem: Konten gehören nur der Person, die sie eingerichtet hat
Das klingt selbstverständlich, hat aber weitreichende Folgen. E-Mail-Konten, Facebook-Profile, Google-Konten – all das läuft auf den Namen einer einzelnen Person und ist rechtlich nur dieser zugänglich. Wenn diese Person stirbt, können Angehörige nicht einfach einloggen, auch wenn sie das Passwort kennen. In vielen Fällen ist das sogar offiziell verboten, weil die Nutzungsbedingungen der Plattformen den Account-Transfer untersagen.
In der Praxis sehen die meisten Plattformen drei Möglichkeiten vor: das Konto wird gelöscht, es wird in einen „Gedächtnismodus” versetzt, oder es bleibt unverändert stehen – bis jemand aktiv tätig wird oder der Anbieter selbst aufräumt.
Was die großen Plattformen tun
Google bietet seit Jahren eine Funktion an, die sich „Inaktive-Konto-Manager” nennt. Damit können Sie festlegen, was nach einer langen Inaktivitätsperiode passieren soll: Daten löschen, bestimmte Daten an vertrauenswürdige Personen weitergeben oder das Konto für einen Zeitraum weiterhin zugänglich lassen. Das können Sie in den Google-Einstellungen selbst konfigurieren – ohne Rechtsanwalt, ohne Notar.
Facebook ermöglicht es, einen sogenannten Gedächtniskontakt zu benennen. Diese Person kann nach dem Tod bestimmte Dinge erledigen: ein Profilbild ändern, auf Gedenkposts antworten, das Profil in den Gedächtnismodus versetzen oder es löschen. Was sie nicht kann: einloggen, Nachrichten lesen oder Käufe tätigen. Sie können den Gedächtniskontakt in Ihren Facebook-Einstellungen unter „Persönliche Angaben” festlegen.
Instagram bietet ähnliche Optionen. Nach dem Tod kann das Profil auf Antrag von Angehörigen in einen Gedächtnismodus versetzt oder vollständig gelöscht werden – mit Nachweis des Todesfalls.
E-Mail-Anbieter handhaben das sehr unterschiedlich. Bei Gmail können Angehörige mit Sterbeurkunde und gegebenenfalls Erbschein auf das Konto zugreifen oder es löschen lassen. Bei kleineren Anbietern oder Freenet, GMX und ähnlichen gibt es unterschiedliche Verfahren – manche löschen automatisch nach längerer Inaktivität, andere auf schriftlichen Antrag.
Was mit Fotos passiert
Das ist emotional oft das Drängendste. Fotos, die ausschließlich in Google Fotos oder in iCloud liegen, sind für Angehörige nicht automatisch zugänglich – selbst wenn es sich um Bilder handelt, die die ganze Familie betreffen.
Bei Apple/iCloud gibt es seit iOS 15 einen digitalen Erbschaftsausweis: Einen bestimmten Kontakt können Sie als „Legacy Contact” eintragen. Diese Person kann nach Ihrem Tod alle iCloud-Inhalte – Fotos, Dokumente, Notizen – herunterladen. Einrichten lässt sich das in den iPhone-Einstellungen unter dem eigenen Namen → „Passwort und Sicherheit” → „Legacy Contact”.
Bei Google Fotos greifen die Einstellungen des Inaktive-Konto-Managers (siehe oben). Wer dort einen Vertrauensempfänger einträgt, kann festlegen, ob diese Person Zugriff auf Fotos erhält.
Was Sie heute tun können
Das Wichtigste ist nicht eine große technische Lösung, sondern ein einfacher erster Schritt: eine vertrauenswürdige Person kennt die Existenz der Konten.
Eine kurze handschriftliche Liste mit den wichtigsten Konten, Benutzernamen und einem Hinweis, wo das Passwort zu finden ist, reicht oft aus. Die Liste muss nicht digital sein – Papier in einem verschlossenen Umschlag, aufbewahrt beim Testament oder bei einem Familienangehörigen, ist eine pragmatische Lösung.
Wer darüber hinausgehen möchte, kann die Plattform-eigenen Funktionen nutzen: Google Inaktive-Konto-Manager einrichten, bei Facebook einen Gedächtniskontakt benennen, bei Apple einen Legacy Contact eintragen. Das kostet je ein paar Minuten und ist kostenlos.
Was nicht funktioniert: anderen Personen einfach das Passwort geben und hoffen, dass das ausreicht. Das schafft rechtliche Graubereiche und kann bei Plattformen zur Kontosperrung führen.
Abos nicht vergessen
Ein Aspekt, der oft übersehen wird: kostenpflichtige Abos laufen nach dem Tod weiter, bis jemand sie kündigt. Streaming-Dienste, Zeitungs-Abonnements, Cloud-Speicher – sie alle ziehen monatlich Geld vom Konto. Angehörige, die Kontozugang haben, sollten das im Blick behalten. Eine Liste der laufenden Abos – zum Beispiel im Abo-Überblick von iPhone oder Android – ist dafür hilfreich.
Unsere Einschätzung
Das digitale Erbe ist kein Nischen-Thema mehr. Fast jeder hat heute Konten, Fotos und Daten online, die irgendwo bleiben, wenn man selbst nicht mehr da ist. Die gute Nachricht: Vorsorgen ist einfacher als gedacht. Eine handgeschriebene Konto-Liste, ein Gedächtniskontakt bei Facebook und der Legacy-Contact bei Apple – das reicht für die meisten Menschen aus, um Angehörigen die wichtigste Arbeit zu ersparen.
Es geht nicht darum, alles perfekt zu regeln. Es geht darum, nicht gar nichts zu tun.
Häufige Fragen
Dürfen Angehörige nach dem Tod in mein E-Mail-Konto einloggen? Rechtlich ist das in den meisten Fällen nicht ohne Weiteres erlaubt – die Nutzungsbedingungen gelten für den Account-Inhaber persönlich. Angehörige können aber bei den Plattformen offiziell einen Zugang oder eine Löschung beantragen, meist mit Sterbeurkunde und Erbschein.
Was passiert mit meinem Facebook-Profil, wenn ich nichts regelge? Es bleibt bestehen, bis jemand aktiv handelt. Das kann bedeuten, dass das Profil jahrelang erhalten bleibt, Geburtstagserinnerungen verschickt werden und Freunde und Familie weiter Beiträge darauf sehen.
Kann ich bei Google regeln, dass meine Fotos an bestimmte Personen gehen? Ja. Im Google-Konto gibt es den „Inaktive-Konto-Manager”. Dort lässt sich einstellen, welche Daten nach einer langen Inaktivitätsphase an wen weitergegeben werden dürfen.
Was ist ein „Gedächtniskontakt” bei Facebook, und wie benenne ich ihn? Ein Gedächtniskontakt ist eine Person, die nach Ihrem Tod bestimmte Verwaltungsaufgaben für Ihr Facebook-Profil übernehmen kann. Einrichten unter: Facebook → Einstellungen → Persönliche Angaben → Gedächtniskontakt.
Gilt das digitale Erbe auch für ältere Menschen, die wenig online sind? Ja, denn schon ein E-Mail-Konto oder ein Amazon-Konto mit gespeicherter Zahlungsmethode ist Teil des digitalen Nachlasses. Je weniger Konten vorhanden sind, desto einfacher lässt es sich regeln – ein guter Grund, jetzt damit anzufangen.